Potsdam, 4. Mai 2026 – Am Abend des 4. Mai 2026 fand im großen Hörsaal von Gebäude 5 auf dem Campus Golm der Universität Potsdam eine außergewöhnliche Doppellesung statt. Prof. Dr. Ottmar Ette, Direktor des Humboldt-Zentrums für interdisziplinäre Studien, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Professor an der Universität Potsdam, und der Präsident der Universität Potsdam, Prof. Dr. Oliver Günther, traten gemeinsam auf. Unter dem Thema „Freiheit: zwischen Wissenschaft, Perspektivwechsel und Demokratie“ erörterten sie in einer Mischung aus Lesung, Interpretation und Publikumsgespräch die vielfältigen Bedeutungen von Freiheit in der akademischen Forschung, der literarischen Imagination und der demokratischen Gesellschaft.

Ein besonderes Merkmal der Veranstaltung war die durch die Doppellesung entstandene dialogische Struktur. Beide Leser konzentrierten sich auf das Kernthema Freiheit, näherten sich ihm jedoch aus unterschiedlichen Richtungen. Präsident Günther ging von seinem Buch Die diverse Universität aus und reflektierte aus der Perspektive von Forschung, wissenschaftlicher Praxis und öffentlicher Verantwortung der Universität die Bedeutung der Freiheit für Wissensproduktion, Wissenschaftsgemeinschaft und demokratische Gesellschaft. Prof. Ette wiederum näherte sich dem Thema aus der Literatur und der fiktionalen Erzählung. Er las Passagen aus seinem Roman WunderBunker und seinem noch unveröffentlichten Werk Terrakotta vor, die komplexe Beziehungen zwischen individueller Erfahrung, historischer Erinnerung, räumlichem Wandel und freier Imagination darstellen. Wissenschaft und Literatur, empirische Forschung und fiktionale Erzählung spiegelten sich so im selben Raum wider und verliehen dem Thema Freiheit eine vielschichtige Tiefe.
Der Veranstaltungsort verlieh der Lesung eine zusätzliche historische Bedeutung. Das Gelände des Campus Golm durchlief mehrere Phasen der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts: von militärischen Anlagen in der NS-Zeit über die Nachkriegsnutzung durch sowjetische und ostdeutsche Einrichtungen bis hin zur heutigen Nutzung als Ort universitärer Lehre, Forschung und öffentlicher Diskussion. Der heutige große Hörsaal in Gebäude 5 befindet sich im Zentrum dieser historischen Entwicklung. Prof. Ette bezeichnete ihn als „Tausendjährigen Saal“. Da der Hörsaal demnächst saniert werden soll, war diese Veranstaltung die letzte vor dem Umbau. Ein Raum, der historische Erinnerung trägt, verabschiedete sich an seinem letzten Abend symbolisch mit einem Dialog über Freiheit, Wissenschaft, Literatur und Demokratie.
Im Verlauf der Lesung trug Prof. Ette Ausschnitte aus beiden Romanen vor. Ein Höhepunkt war, als Präsident Günther einen Auszug aus Prof. Ettes noch unvollendetem neuen Werk Terrakotta las – die erste Präsentation dieser Passagen vor einem Live-Publikum. Diese Lesung machte auch die Verbindung zwischen dem neuen Werk und dem Ort Golm deutlich. Eine Figur des Romans hatte an der Juristischen Hochschule in Golm studiert; der Text schilderte Details wie die Uniformen der Studenten auf dem Campus, den geschlossenen institutionellen Raum und die Tatsache, dass die Studenten ihre Uniformen erst nach Verlassen des Geländes ablegten.
Terrakotta spannt einen historischen Bogen von der NS-Zeit über die Deutsche Demokratische Republik und die Bundesrepublik Deutschland bis zur Zeit nach der Wiedervereinigung. In Fortsetzung von Prof. Ettes charakteristischem Ansatz multipler Perspektiven und Perspektivwechsel betont das neue Werk ebenfalls die Bedeutung einer „Außenperspektive“. So lebt etwa ein Wanderfalke im Turm des Berliner Roten Rathauses, der frei Grenzen überqueren und aus der Vogelperspektive verschiedene Räume und historische Schauplätze beobachten kann. Durch diesen nicht-menschlichen, beweglichen Blickwinkel hinterfragt der Roman institutionelle Veränderungen, Machtstrukturen und individuelle Schicksale in der deutschen Geschichte. Der Falke sieht Golm aus der Luft, nähert sich diesem Raum allmählich und dringt in ihn ein – so wird Golm nicht nur zum Hintergrundschauplatz, sondern zu einem literarischen Ort, der für das Verständnis von Wendepunkten der modernen deutschen Geschichte zentral ist.
Auf diese Weise entstand eine tiefe Resonanz zwischen Text, Ort und Geschichte. Ein Raum, der einst mit militärischer Disziplin, institutioneller Kontrolle und staatlicher Macht verbunden war, ist heute ein Ort für literarische Lesungen, akademische Diskussionen und öffentlichen Austausch an einer Universität. Und Prof. Ettes neues Werk schreibt in eben dieser historischen Stätte Fragen nach Grenzen, Perspektiven, Erinnerung und Freiheit neu.


Für den bald zu sanierenden Hörsaal war diese Doppellesung sowohl ein Abschied als auch ein Neubeginn. Der alte Raum tritt in eine neue Phase ein, während die Diskussionen über Geschichte, Freiheit, Demokratie und die Verantwortung der Universität fortgesetzt werden. Diese Veranstaltung hinterließ durch das Zusammentreffen von akademischem Denken, literarischen Werken und historischem Ort einen unvergesslichen Eintrag für den letzten Abend vor dem Umbau des Hörsaals auf dem Campus Golm.