„Verflochtenes kulturelles Erbe als Brücke zwischen Kulturen“ –chinesisch-deutsches interkulturelles akademisches Symposium in Berlin


Der Schutz, die Erschließung, die Rückgabe und die Gegenwärtigung von Kulturerbe gehören gegenwärtig zu den zentralen Them-en, die sowohl in der internationalen Wissenschaft als auch im öffentlichen Kultursektor im Fokus stehen. Vor diesem Hintergrund fan-d  am 7. Juli 2026 an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften (BBAW) das chinesisch-deutsche interkulturelle akad-emische Symposium zum Thema „Verflochtenes kulturelles Erbe als Brücke zwischen Kulturen“ statt. Die Veranstaltung wurde auf Initi-ative von Professor Ottmar Ette, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, Vorsitzender des Zentrums Preu-ßen-Berlin und Direktor vom Humboldt Center for Transdisciplinary Studies (HCTS), gemeinsam vom Zentrum Preußen-Berlin der B-BAW und dem Center for the Study of Mutual Learning among Civilizations (EMLAC) der Xiamen Universität organisiert.

Das Symposium widmete sich dem global verflochtenen gemeinsamen Kulturerbe als Kern und griff dabei aktuelle Fragestellungen wie die Rekonstruktion kultureller Gedächtnisse, den transnationalen Archivaufbau, die Rückgabe von Kulturgütern und die Innovation von Mechanismen für den Zivilisationsdialog auf. Es unterstrich die bedeutende praktische und akademische Relevanz interkultureller F-orschung für das Verständnis historischer Zusammenhänge, die Förderung von Wissenstransfer und die Stärkung des internationalen Dialogs.



Das Symposium zeichnete sich durch ein internationales Teilnehmendenspektrum mit starker chinesischer Beteiligung aus. Forscherinnen und Forscher aus China, Deutschland, Polen, Brasilien, Frankreich und weiteren Ländern hielten Vorträge; zudem wirkten Schriftstellerinnen und Künstler mit und erweiterten den akademischen Dialog um literarische und künstlerische Perspektiven. So entstand ein Austauschraum, der regionale, sprachliche und disziplinäre Grenzen überschritt. Die aktive Mitwirkung von Mitgliedern Humboldt Center for Transdisciplinary Studies verstärkte die akademische Verknüpfung zwischen Humboldt-Forschung, interkulturellen Studien und globaler Kulturerbeforschung.

 


Eingeleitet wurde das Symposium durch eine Videobotschaft von Professor Christoph Markschies, Präsident der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Er würdigte die Durchführung der Tagung und erläuterte ausgehend von der langjährigen Praxis der Akademie in den Geisteswissenschaften, der Kulturerbepflege und der interkulturellen Wissensproduktion die Bedeutung des Themas „verflochtenes Kulturerbe“. Er äußerte zudem die Hoffnung auf einen Dialog zwischen China und Europa und kündigte an, dass das Manifest der Akademie in chinesischer Übersetzung erscheinen werde.



Im Anschluss eröffnete Professorin Bénédicte Savoy, Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und Professorin an der Technischen Universität Berlin, mit ihrem Vortrag „Presence / Absence: Kulturelles Erbe aus zunehmend globaler Perspektive“ den akademischen Teil der Veranstaltung. Ausgehend von ihrer langjährigen Forschung zu Museumsbeständen, kolonialen Kult-urguttransfer und Restitutionsfragen beleuchtete sie die gegenwärtige Situation von Kulturerbe aus globaler Sicht. Sie wies darauf hin, dass viele Kulturgüter zwar physisch in europäischen Museen, Depots und Ausstellungsräumen „anwesend“ seien, jedoch in der sozialen Wahrnehmung, im öffentlichen Gedächtnis und in der historischen Erinnerung ihrer Herkunftsgesellschaften vielfach „abwesend“ blieben. Daher müsse die Kulturerbeforschung nicht nur fragen, wo sich die Objekte befinden, sondern auch, wie sie dorthin gelangten, warum sie dort verblieben und wer berechtigt ist, sie zu betrachten, zu deuten und zu erben. Professorin Savoy wies darauf hin, dass der Begriff der „Verflechtung“ im kolonialen Kontext Machtungleichgewichte verschleiern könne, und schlug vor, ergänzend den Begriff der „Zirkulation“ zu verwenden. Allerdings betonte sie, dass auch „Zirkulation“ nicht als gleichberechtigte oder natürliche Bewegung von Kultur verstanden werden dürfe, sondern in ihren jeweiligen historischen Tiefenstrukturen, Gewaltverhältnissen und Restitutionsverantwortlichk-eiten neu betrachtet werden müsse.



Den Abschluss des Symposiums bildete ein zusammenfassendes Statement von Professor Ottmar Ette. Er hob die Produktion geisteswissenschaftlichen Wissens, den Aufbau von Archivnetzwerken und die Zukunft der Humboldt-Forschung hervor und bot eine theoretische Vertiefung des Tagungsthemas. Er betonte, dass die Geisteswissenschaften nicht nur überlieferte Gegenstände und Methoden fortsetzen, sondern auf neue technologische Bedingungen, transnationale Wissenschaftsnetzwerke und gesellschaftliche Realitäten reagieren und ihre eigenen akademischen, kulturellen und öffentlichen Funktionen neu reflektieren sollten. Als wichtiger Förderer der Humboldt-Forschung verwies Professor Ette auf Alexander von Humboldt als Beispiel: Humboldt sei sowohl Nutzer von Archiven als auch Gegenstand archivischer Forschung. Die heutige Humboldt-Forschung müsse ebenfalls die Archivgrenzen einzelner Nationen, Institutionen und Disziplinen überschreiten und den Ressourcenaustausch sowie die gemeinsame Wissensproduktion in größeren regionalen Zusammenhängen fördern. Seine Ausführungen veranschaulichten das offene, umfassende und zukunftsgerichtete wissenschaftliche Leitbild der Berlin-Brandenburgischen Akademie: Die Verbindung verschiedener Archive, die Begegnung unterschiedlicher wissenschaftlicher Traditionen und die gegenseitige Erschließung verschiedener kultureller Erfahrungen könnten nicht nur neues Wissen über die Vergangenheit hervorbringen, sondern auch gestalterische Kräfte für die Zukunft freisetzen.



Besondere Beachtung fanden in den Vorträgen die Beiträge chinesischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Beide Referate gingen von konkreten regionalen Erfahrungen und zeitgenössischen kulturellen Fragestellungen aus und brachten eine chinesische Perspektive in den internationalen interkulturellen Forschungsdialog ein, ein Ausdruck des aktiven Engagements und des gedanklichen Beitrags chinesischer Forscherinnen und Forscher zur globalen Kulturerbeforschung.

Professorin Liu Yue, Vizedekanin des Fremdsprachenkollegs der Xiamen Universität, hielt einen Vortrag mit dem Schwerpunkt auf dem Begriff des „Gemeinsamen“ und befasste sich mit der Entstehung, Weitergabe und Neugestaltung gemeinsamer chinesisch-deutscher kultureller Erinnerungen. Ausgehend von sichtbaren Kulturgütern in Xiamen wie Architektur und Bildmaterial sowie unter Einbeziehung tieferer Ebenen wie Sprache, Konzepte und historischem Gedächtnis zeigte sie, wie chinesisch-deutsche Kulturinteraktionen in lokalen chinesischen Erfahrungen zu gemeinsamen Erinnerungen gerinnen. Abschließend plädierte sie für eine kontinuierliche Förderung  des chinesisch-deutschen Geistes- und Kulturaustauschs durch offene wissenschaftliche Netzwerke, Ressourcenteilung und multilaterale Kooperation.



Professorin Ren Haiyan vom Humboldt Center for Transdisciplinary Studies der Hunan Normal Universität wählte die Stadt Changsha in der Provinz Hunan als spezifischen Forschungskontext. Anhand zweier Kulturerbestätten – dem ehemaligen Gelände der ShiwuSchule und dem Xiangya-Krankenhaus–zeigte sie, wie Changsha als Fenster zum Verständnis der chinesischen Moderne dienen kann, und untersuchte den „traditionellen Körper“, den „politischen Körper“ und den „medizinischen Körper“ aus ethischer, politischer, medizinischer und moderner Perspektive. Ihre Analyse machte deutlich, dass der sogenannte „verhandelte Körper“ kein überholtes historisches Relikt ist, sondern eine lebendige Wirklichkeit, in der traditionelle Lebenskonzepte, moderne Staatsvorstellungen und medizinisches Wissen in der chinesischen Gesellschaft bis heute fortwährend miteinander interagieren.



Darüber hinaus nahmen Professor Lin Chunjie und Dozentin Lei Lei von der Huazhong Universität für Wissenschaft und Technologie, Dozent Qiao Qingquan vom Englisch-Fachbereich der Hunan Normal Universität sowie die Doktorandin Long Qiyu, Mitglied des Humboldt Center for Transdisciplinary Studies, aktiv an der Veranstaltung teil.

Auch die weiteren Vorträge knüpften an das Kernthema des „verflochtenen Kulturerbes“ an und boten Zugänge aus unterschiedlichen Regionen, Disziplinen und methodischen Perspektiven. Dr. Tobias Kraft, Leiter des Projekts „Alexander von Humboldt auf Reisen Wissenschaft aus der Bewegung“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, präsentierte einen dreidimensionalen Rahmen von „Vergangenheit – Gegenwart – Zukunft“ und verband digitale Praxis mit Humboldts Textnachlass. Er erörterte die Rolle der Digitalen Geisteswissenschaften und der Künstlichen Intelligenz in der Transformation der Textkritik und betonte, dass KI zwar das Fachurteil von Geisteswissenschaftlern nicht ersetzen könne, aber die Verarbeitung von Kulturerbetexten optimieren und die Disziplin in Richtung digitaler Kollaboration und Teamarbeit weiterentwickeln könne.


Dr. Sarah Schmidt, Mitarbeiterin an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, befasste sich mit Schleiermachers Übersetzungstheorie und erläuterte die schrittweise Entfaltung von Gedanken, Geist und kultureller Bedeutung im Übersetzungsprozess. Sie zeigte auf, welche Impulse die klassische Übersetzungstheorie für die gegenwärtige interkulturelle Kommunikation und literarische Vermittlung bereithält.



Dr. Annelie Große, ebenfalls Mitarbeiterin an der Akademie, untersuchte die höfischen Empfangsrituale für chinesische und japanische Gesandtschaften im Berlin des 19. Jahrhunderts. Sie deutete die Hofzeremonien als bedeutsame Schauplätze der  europäischen Wahrnehmung ostasiatischer Kulturen im 19. Jahrhundert und legte die kulturellen Konflikte und Werteaushandlungen in den frühen euro-asiatischen Begegnungen offen.



Dr. Antonio Andrade von der Universidade Federal do Rio de Janeiro widmete sich der indigenen Literatur Lateinamerikas und dem kulturellen Erbe. Er hob die Bedeutung indigener Literaturen für die Bewahrung lokalen Wissens, die Rekonstruktion kultureller Subjektivität und den Widerstand gegen kulturelles Vergessen hervor und erweiterte damit die Perspektive des Globalen Südens im Symposium.



Dr. Jadwiga Kita-Huber von der Jagiellonen-Bibliothek stellte eine Fallstudie zu Berliner Archivmaterialien in den Beständen von Krakau vor. Sie veranschaulichte den Brückenwert länderübergreifender Sammlungen für die Verbindung mitteleuropäischer Kulturen, die Archivaktivierung und die institutionsübergreifende Zusammenarbeit und präsentierte die gemeinsamen Perspektiven für ein neu gegründetes interkulturelles Forschungszentrum.



Das Symposium, das dem Thema des „verflochtenen Kulturerbes“ gewidmet war, bot vertiefte Diskussionen zu aktuellen Fragestellungen wie der Tradierung kultureller Erinnerung, der Deutung und Vermittlung von Kulturerbe, der Zukunft der Philologien, der Rekonstruktion klassischer Übersetzungstheorien, der Vernetzung bestehender Archive sowie dem interkulturellen Dialog. Es schuf eine wirkungsvolle Plattform für den akademischen Dialog und Austausch in den Geistes- und Sozialwissenschaften zwischen China und Deutschland.

Die Beiträge machten deutlich, dass Kulturerbe kein isoliertes, statisches historisches Relikt ist, sondern ein offenes Netzwerk, das durch grenzüberschreitende Zirkulation, Archivvernetzung, Übersetzung und Transformation, lokale Praxis sowie öffentliche Vermittlung beständig neue Bedeutungen hervorbringt. Das Symposium vertiefte nicht nur den geisteswissenschaftlichen Austausch zwischen China und Deutschland, zwischen China und Europa sowie mit weiteren Weltregionen, sondern legte auch konzeptionelle Grundlagen für künftige internationale wissenschaftliche Kongresse in China.

Auch in Zukunft werden die beteiligten Partner auf der Grundlage eines offenen und kooperativen internationalen Wissenschaftsnetzwerks die Erforschung, Bewahrung und lebendige Vermittlung des gemeinsamen Kulturerbes weiter vorantreiben, damit dieses als Brücke zwischen Zivilisationen, als Impuls für gemeinsame Wissensbildung und als Beitrag zur Auseinandersetzung mit den Herausforderungen unserer Zeit wirken kann.


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