Alexander von Humboldt war sein Leben lang unterwegs, beobachtete, maß und schrieb. In seiner Welt waren Natur und Kultur, Wissenschaft und Kunst, Messen und Wahrnehmung untrennbar miteinander verbunden. Genau diesem facettenreichen und ganzheitlich denkenden Humboldt widmet sich das Forschungsprojekt „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.
Das Projektteam erschließt und ediert zum einen Humboldts umfangreichen handschriftlichen Nachlass und untersucht sein Denken und Schreiben aus natur- und kulturwissenschaftlicher Perspektive. Zum anderen rückt zunehmend auch sein Verhältnis zur Kunst in den Mittelpunkt. Künstlerische Ausdrucksformen eröffnen dabei neue Zugänge zu seinen Texten. So arbeiten an dem Projekt nicht nur Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, sondern auch Musiker und Künstler mit.
2025 war der US-amerikanische Komponist Ricardo Lorenz, Professor für Komposition an der Michigan State University, für einen Forschungsaufenthalt an der Akademie. Er beschäftigte sich intensiv mit Humboldts Reisetagebüchern und näherte sich ihnen aus der Perspektive des Klangs. Dabei suchte er nach Beschreibungen von Vogelstimmen, Wasser und Wind sowie nach Eindrücken von der Klangwelt der tropischen Natur und übertrug sie in eine musikalische Form. Im Auftrag der Los Angeles Philharmonic komponierte er das Orchesterwerk Humboldt’s Nature, das am 12. Februar 2026 in der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles uraufgeführt wurde und auf große Resonanz stieß. Die tropische Natur, die Humboldt vor mehr als zweihundert Jahren in seinen Aufzeichnungen festgehalten hatte, wurde auf diese Weise neu hörbar und erfahrbar.
Der deutsche Künstler Axel Malik, der in China auch unter dem Namen A Kai (阿凯) bekannt ist, nähert sich Humboldt in diesem Kontext auf ganz eigene Weise.
Am 5. September 2026 besuchte Prof. Dr. Ottmar Ette, Direktor des Humboldt Zentrums für Transdisziplinäre Studien, in Begleitung seiner Ehefrau und gemeinsam mit Prof. Dr. Ren Haiyan, geschäftsführender stellvertretender Direktorin des Zentrums, sowie Long Qiyu, Mitglied des Zentrums und Doktorandin, das Berliner Studio von Axel Malik. Im Mittelpunkt des intensiven Austauschs standen Alexander von Humboldt, die Kunst des Schreibens, die chinesische Kalligraphie sowie das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft.
Obwohl Malik selbst keine chinesischen Schriftzeichen lesen kann, ist er von der chinesischen Kalligraphie tief beeindruckt. Die in Pinsel und Tusche eingeschriebenen Emotionen, Haltungen und Vorstellungen ebenso wie der besondere Rhythmus, der sich in der Bewegung der chinesischen Schrift entfaltet, üben auf ihn eine Faszination aus, die kulturelle Grenzen überschreitet.
Malik berichtete, dass seine gegenwärtige künstlerische Auseinandersetzung mit Humboldt wesentlich durch die Forschungen von Ottmar Ette angeregt worden sei. Dabei interessiert ihn nicht nur Humboldts bewegtes Leben, sondern ebenso die Bewegung und Mobilität, die sich in seinen Manuskripten selbst zeigen. Besonders fasziniert ihn die enge Verbindung von Wissenschaft und Kunst in Humboldts Denken. Hinter den präzisen Messdaten erkennt Malik eine innere Ordnung und die Schönheit der Natur als Ganzes. Ein solches Erfassen des Ganzen, so seine Überzeugung, könne sich gerade im dynamischen Prozess des Schreibens entfalten.

Axel Maliks Welt des „Schreibens“
Malik versteht seine künstlerische Praxis weniger als Malerei denn als Schreiben. Im Zentrum seiner Arbeit steht der Prozess des Schreibens.
Seit 1989 widmet sich Malik einem bis heute kontinuierlich fortgeführten Projekt des täglichen „Schreibens“. In mehr als drei Jahrzehnten sind auf diese Weise über 140 Bände mit insgesamt mehr als 30.000 Seiten entstanden. Sein Schreibprozess besteht aus einzelnen, zeichenartigen Setzungen, die sich nicht wiederholen. Sie erinnern an Schrift, lassen sich jedoch im herkömmlichen Sinne nicht lesen: Sie codieren keine sprachlichen Informationen und verweisen nicht auf eine bestehende Sprache.
In seinem Studio führte Malik diesen Schreibprozess auch unmittelbar vor. Die Feder bewegt sich rasch über das Papier, die einzelnen Zeichen entstehen aus der Schreibbewegung heraus. Im Zentrum steht dabei nicht die Vermittlung einer sprachlichen Bedeutung, sondern die Bewegung des Schreibens selbst.
Diese skripturale Methode hat Malik auf unterschiedlichste Medien, Räume und Formate übertragen. Seine Schreibspuren erscheinen auf Papierrollen, Glasflächen oder Wänden und entfalten sich in ganz unterschiedlichen Dimensionen. Je nach Format, Werkzeug und Tempo verändert sich auch die Schreibbewegung: Manche Arbeiten entstehen in großer Geschwindigkeit, andere entwickeln sich über längere Zeit. Aus diesen unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Größenverhältnissen und Rhythmen entsteht die besondere Dynamik seiner Arbeiten.
Auch bereits vorhandene Bücher können Teil dieser skripturalen Praxis werden. Malik schreibt in und auf Bücher und fügt ihren bestehenden Text- und Materialschichten neue Schreibspuren hinzu. Gedruckter Text, historisches Papier und die Spuren der Vergangenheit treten so in Beziehung zu den neu entstehenden Zeichen. Das Buch wird auf diese Weise zu einem neuen skripturalen Raum.

Axel Malik und China
Maliks Schriftkunst steht zugleich in einem philosophischen Dialog mit der chinesischen Kalligraphie.
Die chinesische Schriftkultur hat Malik nachhaltig beeindruckt. Wenn er chinesische Schriftzeichen, Inschriften oder Kalligraphien in Kursivschrift betrachtet, kann er die Zeichen zwar nicht lesen bzw. ihre sprachliche Bedeutung nicht erfassen, wohl aber die Bewegung der Linien nachvollziehen – ihre Richtung, ihr Tempo und ihren Rhythmus. Gerade diese Verbindung von Schrift und körperlicher Bewegung interessiert ihn.
Malik setzt sich dabei mit ganz unterschiedlichen historischen und zeitgenössischen Formen chinesischer Schrift und Kalligraphie auseinander: mit den unter dem Thema „Mengxi“ (梦溪) gezeigten Arbeiten des chinesischen Pavillons auf der 61. Internationalen Kunstausstellung der Biennale von Venedig ebenso wie mit Xu Bings Book from the Sky (Tianshu/天书) oder der Kalligraphie des Tang-zeitlichen Meisters Huaisu. Über die Schrift und den Akt des Schreibens eröffnet sich ihm so ein eigener Zugang zur chinesischen Kultur.
Maliks unmittelbare Begegnung mit China reicht bis ins Jahr 2018 zurück. Auf Einladung des Goethe-Instituts reiste er damals nach Beijing, wo er im Umfeld des Goethe-Instituts und des Kunstbezirks 798 Ausstellungen und Schreibperformances realisierte. Gemeinsam mit dem chinesischen Kalligraphen Wang Dongling und dem Künstler Jiao Yingqi nahm er zudem an einem Gespräch über die „Bedingungen und Grenzen von Schrift, Form und Bedeutung“ teil.

Im Studio zeigte Malik uns auch Bücher und Materialien, die er aus China mitgebracht hatte. Sie wurden nicht als bloße Erinnerungsstücke archiviert, sondern in seine fortlaufende Schreibpraxis integriert. Seine eigenen Zeichen überlagern und durchziehen die bereits vorhandenen Texte und Buchseiten. Die „China-Erfahrung“ ist so nach und nach Teil seines umfassenden Schriftsystems geworden – und wächst innerhalb dieses Systems bis heute weiter.
„Humboldt in Bewegung“ – in der zeitgenössischen Kunst
Gegenwärtig arbeitet Malik intensiv an neuen Werken zu Alexander von Humboldt. Bei unserem Besuch in seinem Studio konnten wir einige Arbeiten sehen, die sich noch im Entstehungsprozess befinden.
Malik erläuterte, wie er sich künstlerisch Humboldts Handschriften nähert. Dabei interessiert ihn nicht nur, was Humboldt geschrieben hat, sondern auch, unter welchen Bedingungen seine Aufzeichnungen entstanden sind – unterwegs, auf Reisen, beim Beobachten, Messen und Nachdenken. Die Manuskripte liest Malik daher nicht allein als Träger von Informationen. Sein Blick gilt ebenso den sichtbaren Spuren des Schreibens: den Linien und Zeichen, den unterschiedlichen Materialien, den Tintenspuren, Verwischungen und Veränderungen auf dem Papier.
Für Malik zeigen Humboldts Aufzeichnungen sehr verschiedene Formen des Schreibens. Neben sorgfältig ausgearbeiteten Beobachtungen und Reflexionen finden sich rasche Notizen, spontane Eintragungen und Spuren, die unmittelbar mit dem Unterwegssein verbunden sind. Tempo, Bewegung und äußere Umstände haben sich dabei in das Schriftbild eingeschrieben.
Maliks Arbeiten richten den Blick deshalb nicht nur auf das, was Humboldt festgehalten hat, sondern vor allem darauf, wie sein Schreiben auf Reisen Gestalt annahm.
Darin sieht Malik eine besondere Nähe zu dem Langzeitvorhaben der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften „Alexander von Humboldt auf Reisen – Wissenschaft aus der Bewegung“: Humboldts Wissen entstand nicht losgelöst von seinen Reisen, sondern im Beobachten, Schreiben und Bewegen selbst.
Nach Angaben Maliks sollen die im Entstehen begriffenen Arbeiten im Januar 2027 im Rahmen des Salon Sophie Charlotte, der jährlichen Wissenschafts- und Kulturveranstaltung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, weiter präsentiert werden.

Der Besuch bei Axel Malik ist zugleich Teil der internationalen wissenschaftlichen und kulturellen Arbeit des Humboldt Zentrums für Transdisziplinäre Studien. Auch künftig möchte das Zentrum den Austausch mit wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen in Deutschland und Europa ausbauen und die Humboldt-Forschung stärker in künstlerische Zusammenhänge einbinden. Ein besonderes Anliegen ist dabei, den transdisziplinären und interkulturellen Dialog weiter zu vertiefen und neue Impulse für die Humboldt-Forschung sowie für den deutsch-chinesischen geistes- und kulturwissenschaftlichen Austausch zu setzen.